„Personaldienstleister sind ein zentraler Umsetzungspartner für Transformation.“
- Während die wirtschaftliche Unsicherheit anhält, prägen struktureller Fachkräftemangel und neue sicherheitspolitische Herausforderungen den Arbeitsmarkt und stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen.
- Insbesondere die Personaldienstleistungsbranche bewegt sich vor diesem Hintergrund derzeit in einem anspruchsvollen Umfeld.
- Im Vorfeld des Tags der Personaldienstleister 2026 spricht GVP-Präsident Christian Baumann über die aktuelle Lage der Branche, ungenutzte Potenziale, die Entwicklung des GVP – und über die Frage, welchen Beitrag Personaldienstleister bei Transformation, Arbeitsmarktintegration und sogar zur Verteidigungsfähigkeit Deutschlands leisten können
arbeitsblog: Hallo, Christian. Der Tag der Personaldienstleister bringt auch in diesem Jahr Vertreter*innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Wo gibt es aus deiner Sicht aktuell den größten Bedarf an Dialog – und vielleicht auch an gegenseitigem Verständnis?
Christian Baumann: Der wichtigste Punkt ist derzeit das Verständnis realer betrieblicher Zwänge. Viele Unternehmen haben zunehmend den Eindruck, dass sich die Politik von den tatsächlichen Bedingungen der Wertschöpfung in Deutschland entkoppelt hat. Gerade bei regulatorischen Vorhaben erleben wir häufig, dass Missbrauch bekämpft werden soll, ohne die praktischen Auswirkungen auf Unternehmen ausreichend zu berücksichtigen.
Hinzu kommt ein Punkt, den wir dringend im Dialog diskutieren müssen, und zwar der internationale Kontext. Themen wie Arbeitsmigration und Fachkräfteintegration gewinnen immer stärker an Bedeutung. Umso wichtiger ist es, langfristige Strategien zu entwickeln. Stattdessen erleben wir häufig kurzfristiges Denken. Deshalb brauchen wir mehr Austausch zwischen Politik und Wirtschaft, um ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen zu schaffen.
arbeitsblog: Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt, viele Unternehmen agieren zurückhaltend und gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel ein strukturelles Problem. Wie erlebst du die Situation derzeit in der Zeitarbeit?
Christian Baumann: Ja, die Situation ist ganz klar extrem angespannt. Die Zahl der Beschäftigten in der Arbeitnehmerüberlassung ist seit Jahren stark rückläufig. Gleichzeitig bewegen wir uns in einem Umfeld mit geringer wirtschaftlicher Dynamik und niedrigen Auftragsbeständen.
In den vergangenen Wochen sehen wir allerdings erste Stabilisierungstendenzen. Die Erwartungen vieler Unternehmen hinsichtlich ihrer Geschäftsentwicklung haben sich leicht verbessert. Das ist noch keine Trendwende, aber ein erstes positives Signal. Die grundlegenden Herausforderungen bleiben dennoch bestehen: eine schwache Konjunktur auf der einen Seite – hier sprechen auch alle wirtschaftlichen Parameter aktuell gegen Deutschland als Industrienation – und ein struktureller Fachkräftebedarf auf der anderen. Letzterer wird auch nicht weniger, sondern verschlimmert sich tendenziell. Für uns als Branche kann sich dadurch in Zukunft allerdings auch neues Ertragspotenzial bieten, weil viele Unternehmen perspektivisch nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Personalbestände eigenständig zu besetzen.
Viele Personaldienstleister verfügen über enormes Know-how, das sie bislang noch nicht ausreichend in marktfähige Angebote übersetzen.
arbeitsblog: Damit sind wir auch direkt bei der nächsten Frage angekommen. Du hast eben von „Tendenzen“ gesprochen. Die Branche gilt traditionell als Frühindikator für wirtschaftliche Entwicklungen. Welche weiteren Signale siehst du momentan am Markt und was bedeuten sie für die kommenden Monate?
Christian Baumann: Tatsächlich haben gerade die vergangenen Jahre aufs Neue gezeigt, dass unsere Branche ein sehr verlässlicher Seismograf für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Aktuell beobachten wir eine leichte Verbesserung der Erwartungen im Markt. Diese zeigt sich zwar noch nicht unmittelbar in Umsätzen oder Beschäftigtenzahlen, aber beispielsweise bei offenen Stellen und der Nachfrage nach Fachkräften. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir die Talsohle langsam durchschreiten. Von einer echten Dynamik kann allerdings noch keine Rede sein. Wir erleben eher eine fragile Stabilisierung. Man kann also sagen, die Signale im Markt sind heiter bis wolkig – mit Aussicht auf Verbesserung des Klimas, aber dafür muss noch wirklich viel passieren und die Rahmenbedingungen müssen sich bedeutend ändern.
arbeitsblog: Im Expertenpanel des Fachkongresses geht es um Chancen und Herausforderungen des Arbeitsmarkts. Wo siehst du aktuell die größten ungenutzten Potenziale, sowohl politisch als auch auf Unternehmensseite?
Christian Baumann: Politisch liegt das größte Potenzial eindeutig in den Bereichen Entbürokratisierung und Deregulierung. Viele Herausforderungen, mit denen Unternehmen heute konfrontiert sind, sind hausgemacht. Würde man hier konsequent ansetzen, könnten enorme Kräfte freigesetzt werden.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Arbeitsmigration. Bis heute dürfen Nicht-EU-Staatsangehörige nicht über die Zeitarbeit in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Dabei verfügen Personaldienstleister genau über die Kompetenzen, die dafür notwendig wären – und es würde ein unglaubliches Potenzial freisetzen, wenn wir das tun dürften, worin wir absolute Profis sind.
Auf Unternehmensseite sehe ich großes Potenzial in der Nutzung von Künstlicher Intelligenz, in stärkeren Netzwerken – national wie international – und Plattformmodellen sowie im Ausbau zusätzlicher Dienstleistungen. Viele Personaldienstleister verfügen über enormes Know-how, das sie bislang noch nicht ausreichend in marktfähige Angebote übersetzen.
arbeitsblog: Viele Unternehmen stehen gleichzeitig unter Transformations-, Kosten- und Fachkräftedruck. Welche Rolle können Personaldienstleister in dieser Situation konkret übernehmen?
Christian Baumann: Wir können hier deutlich mehr leisten, als heute möglich ist. Personaldienstleister sind aus meiner Sicht ein zentraler Umsetzungspartner für Transformation. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, bestehende Qualifikationen weiterzuentwickeln, neue Kompetenzen aufzubauen und Personal flexibel einzusetzen. Genau an dieser Schnittstelle liegen unsere Stärken. Wir können Menschen in neue Tätigkeiten begleiten, Qualifikationen vermitteln und Unternehmen bei der Anpassung ihrer Personalstrukturen unterstützen. Deshalb sehe ich die Branche auch als wichtigen Brückenbauer – sowohl für die Integration internationaler Fachkräfte als auch für die Begleitung von Beschäftigten in neue Berufsfelder.
Wir brauchen politischen Mut, bestehende Potenziale stärker zu nutzen und unnötige Regulierung abzubauen. Daraufhin wird auch die gesellschaftliche Akzeptanz entstehen, die wir ebenfalls brauchen.
arbeitsblog: Auf dem diesjährigen Tag der Personaldienstleister wird es auch einen Vortrag einer hochrangigen Vertreterin der Bundeswehr zur Frage geben, welche Rolle die Arbeitgeber für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands beisteuern können. Welchen gesellschaftlichen Impact kann ein Verband wie der GVP liefern? Und welche Mehrwerte und welche Haltung sollten Arbeitgeber hierzu einnehmen?
Christian Baumann: Die sicherheitspolitische Lage hat sich grundlegend verändert. Daraus ergeben sich neue gesellschaftliche Aufgaben, denen wir uns stellen müssen.
Ich möchte den Begriff der Zeitenwende nicht strapazieren. Was wir aber aus dem Ukraine-Krieg gelernt haben, ist, dass unsere Freiheit – und unsere unternehmerische Freiheit – nicht „zum Nulltarif“ zu haben ist. Wir müssen als Nation, als europäischer Verbund, als NATO-Partner einen Beitrag leisten, um diese Freiheit in Zukunft zu versichern. Und als eine der größten Volkswirtschaften der Erde haben wir einen hohen Stellenwert. Doch genau das stellt uns vor unglaublich große Herausforderungen. Das bedeutet, es gibt eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, die wir gemeinsam tätigen müssen.
Für unsere Branche bedeutet das zunächst ganz konkret, die Unternehmen der sicherheitsrelevanten Industrien bei ihrem Personalbedarf zu unterstützen. Dabei geht es längst nicht nur um klassische Rüstungsproduktion, sondern um ganze Wertschöpfungsketten – von IT-Spezialist*innen über Ingenieur*innen bis hin zu Fachkräften in der Produktion. Darüber hinaus wird künftig auch die Rolle von Reservist*innen an Bedeutung gewinnen. Wenn Beschäftigte zeitweise für den Reservedienst freigestellt werden, müssen Unternehmen diese Ausfälle auffangen können. Auch hier kann die Personaldienstleistung einen wichtigen Beitrag leisten. Und da wir das eben als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sehen, wollen wir den Dialog fördern und Arbeitgeber dafür sensibilisieren, welche Rolle sie künftig übernehmen können.
arbeitsblog: Damit hat der GVP eine wichtige Schnittstellenfunktion. Schauen wir einmal darauf, wie sich der Verband darüber hinaus entwickelt hat. Der GVP besteht inzwischen seit rund zweieinhalb Jahren. Wenn du auf die Zeit seit der Gründung zurückblickst: Wo steht der Verband heute?
Christian Baumann: Wir haben die Phase der Konsolidierung erfolgreich abgeschlossen – die erste volle Mitgliederversammlung, bei der auch Gremien wiedergewählt werden, steht jetzt vor der Tür. Mit dem gemeinsamen GVP-Tarifvertrag haben wir eine wichtige Grundlage geschaffen und gleichzeitig aus zwei Verbänden eine deutlich stärkere Organisation geformt. Heute arbeiten wir strategischer, professioneller und stärker datenbasiert als zuvor. Während wir die politischen Interessen der Branche vertreten, versuchen wir auch, alles messbar und möglichst transparent zu gestalten, was wir tun. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Leistungen für die Mitglieder kontinuierlich weiter.
Besonders wichtig ist mir dabei, dass wir uns als Verband für die gesamte Personaldienstleistung verstehen. Wir vertreten nicht nur die Arbeitnehmerüberlassung, sondern ebenso die Interessen von Unternehmen aus den Bereichen Personalvermittlung, Freelancing und White Collar. Diese strategische Weiterentwicklung wird in Zukunft noch deutlicher sichtbar werden.
arbeitsblog: Die Fusion wurde damals auch mit dem Ziel verbunden, der Branche mehr Sichtbarkeit und politisches Gewicht zu geben. Hat sich dieser Anspruch aus deiner Sicht erfüllt?
Christian Baumann: Ja, das hat er. Durch die Bündelung von Ressourcen und Interessen können wir deutlich wirkungsvoller auftreten als zuvor. Gleichzeitig beobachten wir allerdings, dass der Dialog zwischen Politik und Verbänden insgesamt schwieriger geworden ist. Viele Verbände erleben derzeit, dass politische Akteure weniger Austausch suchen als noch vor einigen Jahren und quasi kommunikative Barrieren hochgezogen haben, insbesondere in Bezug auf die Abstimmungen mit Verbänden. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Positionen klar erklären und unsere Präsenz weiter ausbauen. Dabei helfen uns insbesondere unsere Aktivitäten auf Landesebene, die unsere Arbeit auf Bundesebene zunehmend stärken.
arbeitsblog: Welche Themen werden den GVP in den kommenden zwölf Monaten besonders beschäftigen?
Christian Baumann: An erster Stelle steht die wirtschaftliche Stabilisierung unserer Mitgliedsunternehmen. Viele Betriebe stehen unter erheblichem Druck und müssen ihre Geschäftsmodelle an veränderte Marktbedingungen anpassen – und auf diesem Weg begleiten wir sie als Verband.
Daneben beschäftigen uns weiterhin Tarif- und Lohnthemen sowie die politischen Schwerpunkte Deregulierung und Arbeitsmarktintegration. Gleichzeitig werden wir unseren Kurs fortsetzen, die gesamte Personaldienstleistung stärker unter dem Dach des GVP sichtbar zu machen.
arbeitsblog: Zum Abschluss noch ganz grundsätzlich gefragt: Was braucht die Branche derzeit am dringendsten: mehr politische Unterstützung, mehr gesellschaftliche Akzeptanz oder mehr Mut zur eigenen Positionierung?
Christian Baumann: Von allem etwas. Wir brauchen politischen Mut, bestehende Potenziale stärker zu nutzen und unnötige Regulierung abzubauen. Wenn die politischen Entscheider*innen diesen Mut zeigen, können wir schnell aktiver werden und einen positiven Impact zeigen. Daraufhin wird auch die gesellschaftliche Akzeptanz entstehen, die wir ebenfalls brauchen.
Vor allem aber sollten wir als Branche selbstbewusst auftreten. Personaldienstleister leisten einen wichtigen Beitrag für Unternehmen, Beschäftigte und den Arbeitsmarkt. Wir dürfen uns mehr zutrauen, neue Dienstleistungen entwickeln und unsere Rolle aktiver gestalten. Dann werden wir auch künftig ein wichtiger Teil der Lösung sein.
arbeitsblog: Vielen Dank für das Gespräch!