Expertenmeinungen & Interviews aus der Zeitarbeitsbranche

Für mich wäre „Rot-Rot-Grün“ auf Bundesebene der absolute Albtraum für die Zeitarbeitsbranche!

#19
schröders_sicht
Unordentlicher Haufen Fragezeichen, zwei davon leuchtend

Die Kennzahlen zu den Überprüfungen der Personaldienstleister plus gewerberechtlichen Sanktionen seitens der „Prüfteams Arbeitnehmerüberlassung“ hat die Bundesregierung in ihrer Antwort per Bundestags-Drucksache 19/26480 im Februar 2021 dokumentiert. Im zurückliegenden Kalenderjahr 2020 fanden demnach Corona-bedingt „lediglich“ 3.184 Betriebsprüfungen statt (gegenüber 5.541 im Vorjahr 2019).

Bemerkenswert ist, dass sich hinter der Gesamtzahl überwiegend Inhouse-Prüfungen verbergen, exakt 2033. Das bedeutet, in der Prüfungspraxis haben die Prüfteams geschäftliche Unterlagen zwecks Übersendung an die zuständige Dienststelle angefordert.

Bundesweit wurden 447 Anträge auf Ersterteilungen sowie befristete und unbefristete Verlängerungen der AÜG-Erlaubnisurkunde im Kalenderjahr 2020 abgelehnt. In der Behördensprache wird das technisch als „Versagung“ deklariert. Im Kalenderjahr 2019 erfolgten bundesweit 470 „Versagungen“. Zudem wurden 138 Erlaubnisse entzogen (im Jahr 2019 waren es 172).

Die Prüfteams produzierten im Kalenderjahr 2020 bundesweit 355 Auflagenbescheide (gegenüber 484 im Vorjahr) und sanktionierten in 396 Vorgängen Gesetzesverstöße nach §16 AÜG per Bußgeld (2019: 731). 318 Sachverhalte wurden an die Behörden der Zollverwaltung übermittelt (2019: 402).

Im Jahr 2020 betrug der Gesamtbestand der AÜG-Erlaubnisinhaber 18.986 (2019: 19.955). Davon waren 10.130 (10.164) unbefristet. Es gab 891 (921) Erlaubnisinhaber mit Sitz im EU-Ausland.

Mit weiteren Kennzahlen will ich die Leser an dieser Stelle nicht konfrontieren. Gleichwohl möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, dass in Kürze weitere Antworten der Bundesregierung in der Pipeline sind:

1. Auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE über „Aktuelle Entwicklungen in der Leiharbeit“, Bundestags-Drucksache 19/26203 vom 27.01.2021

2. Auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN „Mindestlöhne – Kontrollen der Finanzkontrolle Schwarzarbeit im Jahr 2020“, Bundestags-Drucksache 19/26337 vom 01.02.2021

Die Gemengelage der komplexen Fragestellungen aus den Reihen der Parteien DIE LINKE und BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN lässt für mich ganz persönlich die Schlussfolgerung zu: Für die Zeitarbeitsbranche wäre „Rot-Rot-Grün“ auf Bundesebene der absolute Albtraum!

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Meine Devise für die Zeitarbeitsbranche: Sachlichkeit statt Panikmache!

#18
schröders_sicht
Gerichtshammer

Es ist unmöglich, eine seriöse, belastbare Vorhersage bezüglich des Ausgangs des Verfahrens zu treffen. Nach meiner Einschätzung haben wir es mit einer „fifty-fifty“ Situation zu tun: Entweder bekommt die deutsche Zeitarbeitsbranche grünes Licht, das bedeutet, der 5. Senat wird auf Basis der Antworten des EuGH die Klage abweisen, oder es kommt symbolisch das rote Licht, weil der Klage der Zeitarbeitnehmerin auf Equal Pay stattgegeben wird.

Das rote Licht würde über den Einzelfall hinaus das Worst-Case-Szenario schlechthin auslösen! Denn der § 8 AÜG würde europarechtswidrig ausgelegt werden. Das Fundament für die Abweichung vom Gleichstellungsgrundsatz (Equal Treatment) durch die Anwendung der Zeitarbeits-Tarifverträge würde implodieren, die arbeitsvertraglichen Bezugnahmeklauseln dementsprechend ins Leere laufen! Die Zeitarbeitnehmer könnten ihre Personaldienstleister daraufhin ab dem ersten Kundeneinsatztag auf Equal Treatment in Anspruch nehmen.

Es gibt bereits in den sozialen Netzwerken vereinzelte Stimmen, die auf das Sozialversicherungsrecht abzielen und in die Zukunft projizierend mögliche Nachforderungen der entsprechenden Sozialversicherungsbeiträge seitens der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV) im Rahmen von Betriebsprüfungen als Konsequenz andeuten.

Derartige Überlegungen und Hinweise auf die seinerzeitigen Folgen des CGZP-Beschlusses des BAG vom 14.12.2010 bereits zum jetzigen Zeitpunkt lesewirksam über verschiedene Kanäle und Plattformen zu publizieren, schürt extrem die Verunsicherung unternehmerischer Entscheidungsträger. Besser wäre es, zunächst in Ruhe und Besonnenheit die Entscheidungsgründe des BAG abzuwarten und auszuwerten. Der Schutz vor möglicherweise rückwirkendem EU-Recht aufgrund fehlerhafter Umsetzung von EU-Richtlinien seitens des deutschen Gesetzgebers ist nach meiner vorsichtigen Einschätzung deutlich erkennbar auf einer anderen Ebene zu reflektieren als das historische CGZP-Desaster.

Zudem werden die Experten nach Auswertung aller Entscheidungsründe des 5. Senats einschließlich der Parallel-Verfahren hoffentlich meinen ersten positiven Eindruck über die Sitzungsergebnisse zur Sattelfestigkeit von Bezugnahmeklauseln auf die Zeitarbeitstarifverträge bestätigen. Auch die Tariffähigkeit und Tarifzuständigkeit der DGB-Gewerkschaften scheint als Angriffsfläche endlich vom Tisch zu sein.

An dieser Stelle zitiere ich aus dem Kurzbeitrag des prominenten RA Prof. Dr. Jobst-Hubertus Bauer, veröffentlicht in der Zeitschrift Arbeitsrecht Aktuell, 13. Jahrgang, 2021, Seite 44:

Es ist zu hoffen, dass der EuGH die Fragen i. S. d. Entscheidung des LAG beantwortet. Richtig ist, dass Art. 5 III RL 2008/104/EG eine arbeitsvertragliche Bezugnahme auf die einschlägigen Tarifverträge nicht ausdrücklich gestattet. Der Richtliniengeber hat diese Möglichkeit jedoch auch nicht ausgeschlossen, obwohl er diese Abweichungsmöglichkeit im deutschen System kannte (ErfK/Wank, 21. Aufl. 2021, § 8 Rn. 26).

Der den Mitgliedsstaaten zustehende großzügige Gestaltungsspielraum gestattet m. E. auch die Einführung sog. Erstreckungsklauseln zur arbeitsvertraglichen Bezugnahme auf die abweichenden Tarifverträge, um eine Umsetzung entsprechend dem nationalen Recht und den nationalen Gepflogenheiten zu ermöglichen (Preis/Sagan/Sansone, Europäisches Arbeitsrecht, 2. Aufl. 2019, § 12 Leiharbeit Rn. 12.81). Der EuGH sollte dabei auch berücksichtigen, dass deutsche Leiharbeitnehmer typischerweise keine Gewerkschaftsmitglieder sind und deshalb die Bezugnahme auf Tarifverträge der Normalfall ist.

Daher hier meine Devise für die Zeitarbeitsbranche: Sachlichkeit statt Panikmache!

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