Aufschwung trifft Pleitewelle: Was heißt das für Personaldienstleister?
- Die Konjunkturprognosen werden besser, während die Zahl der Unternehmensinsolvenzen weiter steigt. Für Personaldienstleister sind beide Entwicklungen relevant.
- Denn eine anziehende Nachfrage kann neue Aufträge bringen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sicher das Geschäft mit Kundenunternehmen ist, die selbst unter wirtschaftlichem Druck stehen.
- Wolfgang Roell, Senior-Spezialist Factoring bei EKF Finanz Frankfurt, zeigt, wie Personaldienstleister neue Geschäftschancen nutzen können, ohne die damit verbundenen finanziellen Risiken aus dem Blick zu verlieren.
Die deutsche Wirtschaft wächst wieder – und gleichzeitig gehen so viele Unternehmen pleite wie seit Jahren nicht mehr. Was zunächst nicht zusammenpassen will, beschreibt ziemlich genau die wirtschaftliche Lage im Herbst 2026. Anfang September hat das ifo Institut seine Wachstumsprognose für Deutschland deutlich angehoben. Statt der im Sommer erwarteten 0,8 Prozent rechnen die Forschenden für 2026 inzwischen mit einem realen Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent. Vor allem aus der Industrie kommen demnach vorsichtig positive Signale: Die Auftragslage habe sich laut ifo seit Jahresbeginn kontinuierlich verbessert, auch die Exporterwartungen seien gestiegen.
Zur gleichen Zeit zeigen die Insolvenzstatistiken in eine andere Richtung. Im ersten Halbjahr 2026 registrierten die deutschen Amtsgerichte 12.812 beantragte Unternehmensinsolvenzen, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtet. Das waren 6,7 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Einen höheren Wert in einem ersten Halbjahr hatte es laut Destatis zuletzt 2013 gegeben. Auch bei großen Unternehmen ist die Entwicklung auffällig: Nach Zahlen des Kreditversicherers Allianz Trade meldeten im ersten Halbjahr 33 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro Insolvenz an – zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Wie passt das zusammen?
Die Insolvenz von heute hat oft schon viel früher begonnen
Eine bessere Konjunkturprognose bedeutet nicht, dass die wirtschaftlichen Probleme der vergangenen Jahre plötzlich verschwunden sind. Zwischen den ersten Schwierigkeiten eines Unternehmens und einer tatsächlichen Insolvenz können Monate oder sogar Jahre liegen. Auftragsrückgänge, hohe Energie- und Finanzierungskosten oder strukturelle Probleme führen schließlich nicht unmittelbar zur Zahlungsunfähigkeit. Unternehmen greifen zunächst auf Rücklagen zurück, nutzen Kreditlinien, verschieben Investitionen oder versuchen, sich neu aufzustellen.
Auch in der Statistik gibt es einen zeitlichen Versatz: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes liegt der tatsächliche Insolvenzantrag in vielen Fällen annähernd drei Monate vor seiner Erfassung in der amtlichen Statistik. Deshalb können beide Entwicklungen gleichzeitig stattfinden: Teile der Wirtschaft beginnen sich zu erholen, während andernorts noch die Folgen der vergangenen Krisenjahre sichtbar werden.
Es gibt wieder mehr Gründe, nach vorne zu schauen, allerdings ohne die Erfahrungen der vergangenen Jahre über Bord zu werfen.
Neue Aufträge: Ja – aber mit wem?
Für Personaldienstleister ist genau diese Gleichzeitigkeit relevant. Eine anziehende Konjunktur kann wieder mehr Personalbedarf und damit neue Geschäftsmöglichkeiten bringen. Gerade nach wirtschaftlich schwierigen Jahren wäre es falsch, aus Vorsicht jede Chance auszuschlagen. Doch ein neuer Auftrag ist nicht allein deshalb ein guter Auftrag, weil er Umsatz bringt.
Personaldienstleister gehen bei jedem Einsatz finanziell in Vorleistung. Löhne und Sozialabgaben werden fällig, bevor die entsprechende Kundenrechnung bezahlt ist. Je größer der Auftrag und je länger das Zahlungsziel, desto höher ist der Betrag, der zwischenzeitlich finanziert werden muss. Gerät der Auftraggeber währenddessen selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten, wird aus dem neuen Geschäft schnell ein Risiko. Besonders problematisch kann das werden, wenn ein einzelner Kunde einen großen Anteil am Gesamtumsatz ausmacht.
Deshalb gehört neben der Kalkulation eines Auftrags auch die wirtschaftliche Situation des Kundenstamms auf den Prüfstand. Eine Bonitätsprüfung sollte dabei keine Formalität sein, die einmal zu Beginn der Geschäftsbeziehung erledigt und anschließend abgeheftet wird. Gerade in einem wirtschaftlich fragilen Umfeld lohnt es sich, auch bei Bestandskunden aufmerksam zu bleiben.
Wenn sich das Zahlungsverhalten verändert
Nicht jede wirtschaftliche Schieflage ist von außen frühzeitig erkennbar. Es gibt aber Signale, bei denen Personaldienstleister genauer hinsehen sollten: Werden Rechnungen plötzlich später bezahlt? Werden Zahlungsziele immer wieder ausgereizt oder nachträglich verlängert? Häufen sich Rückfragen zu Rechnungen, die es vorher nicht gab? Oder wächst ein einzelner Kunde so stark im eigenen Portfolio, dass ein Ausfall empfindliche Folgen hätte?
Solche Entwicklungen müssen noch lange keine bevorstehende Insolvenz bedeuten. Sie sind aber ein guter Anlass, die eigene Risikoposition neu zu bewerten. Gerade bei größeren Neuaufträgen sollte deshalb vorab nicht nur die erwartete Marge berechnet werden. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Summe im ungünstigen Fall ausfallen kann. Wer 50 zusätzliche Mitarbeitende für einen Kunden einsetzt, übernimmt schließlich ein anderes finanzielles Risiko als bei fünf.
Wachstum braucht einen finanziellen Sicherheitsabstand
Damit rückt auch die eigene Liquiditätsplanung in den Fokus. Wer neue Aufträge annimmt, sollte wissen, wie viel Kapital dadurch zusätzlich gebunden wird und wie lange das Unternehmen diese Vorfinanzierung aus eigener Kraft tragen kann. Factoring kann hier als unterstützendes Instrument dienen, da Forderungen frühzeitig in verfügbare Liquidität umgewandelt werden. Je nach Modell kann zudem das Ausfallrisiko abgesichert werden. Das ersetzt allerdings nicht die Prüfung, welche Kunden und Aufträge zum eigenen Unternehmen passen. Eine durchdachte Finanzierung kann zwar Spielraum schaffen. Aus einem wirtschaftlich schlechten Auftrag macht sie jedoch keinen guten.
Die aktuellen Konjunkturaussichten sind durchaus eine gute Nachricht. Nach Jahren, in denen viele Unternehmen vor allem mit Krisenbewältigung beschäftigt waren, entstehen wieder neue Möglichkeiten. Gleichzeitig zeigen die Insolvenzzahlen, dass die wirtschaftlichen Folgen der vergangenen Jahre noch längst nicht überall ausgestanden sind. Für Personaldienstleister bedeutet das: Es gibt wieder mehr Gründe, nach vorne zu schauen, allerdings ohne die Erfahrungen der vergangenen Jahre über Bord zu werfen. Neue Aufträge sollten zur wirtschaftlichen Situation des eigenen Unternehmens passen und auch dann noch funktionieren, wenn ein Kunde später zahlt oder sich die Rahmenbedingungen verändern. Wachstum und Vorsicht schließen sich dabei nicht aus. Gerade jetzt gehören sie zusammen.