04.11.2026

Nein sagen als Erfolgsfaktor: Warum modernes Recruiting Urteilsvermögen braucht

  • Die Thementage Personalvermittlung & Recruiting des Gesamtverbands der Personaldienstleister (GVP) finden dieses Jahr am 24. und 25. November in Mannheim statt.
  • Samentha Schewe, Rec2Rec-Recruiterin, Executive-Search-Headhunterin und Gründerin von Elite Business Angel, steht gleich zweimal auf der Bühne.
  • Im Vorab-Interview spricht sie über Qualität statt Masse, warum der Hype um Künstliche Intelligenz echtes Urteilsvermögen nicht ersetzt und was nachhaltige Beratungsqualität im Recruiting wirklich bedeutet.

arbeitsblog: Stell dich bitte kurz vor und beschreibe, was dein Unternehmen Elite Business Angel genau macht.

Samentha Schewe: Ich besetze die Leute, die selbst besetzen. Meine Zielgruppe sind Fach- und Führungskräfte innerhalb der Personalberatung, Personaldienstleistung, Recruiting-Boutiquen und Executive Search. Das ist Recruiting für Recruiter*innen – eine Zielgruppe, die genau weiß, wie mein Handwerk funktioniert, und die man mit keinem Standardanschreiben erreicht. Meine Kandidat*innen durchschauen jeden Trick, weil sie ihn selbst anwenden. Ich muss den Markt, die Modelle, die Vergütungsstrukturen und die Unternehmenskulturen in- und auswendig kennen, sonst bin ich für beide Seiten wertlos. Als zweites Standbein begleite ich als staatlich anerkannter Business Coach Führungskräfte in der Aus- und Weiterbildung, im On- und Offboarding sowie im strategischen NewPlacement.

In der Beratung liefere ich keine bloßen Kandidatenlisten, sondern stelle die unbequemen Fragen vor der Suche. Beratung fängt bei mir beim Briefing an. Die erste Frage lautet nie, welches Profil gesucht wird, sondern warum die Stelle offen ist. Wer darauf keine belastbare Antwort hat, besetzt zweimal falsch – das ist der häufigste Grund für Fehlbesetzungen überhaupt. 

arbeitsblog: Du sagst, schlechte Briefings seien der häufigste Grund für Fehlbesetzungen. Woran misst du denn einen echten Platzierungserfolg?
Samentha Schewe: Ich habe früher selbst jahrelang auf die bloße Höhe von Billings geschaut statt auf deren Herkunft. Dabei habe ich Leute eingestellt, deren beeindruckende Zahlen am Ende gar nicht ihnen selbst gehörten, sondern der Struktur, in der sie saßen. Diesen Fehler hatte ich selbst. Ich arbeite heute bewusst selektiv und nicht auf Volumen. Ich nehme nicht jedes Mandat an und sage Kund*innen ehrlich, wenn ich eine Position unter den gegebenen Bedingungen, also im Hinblick auf Gehalt, Markt oder Kultur, für nicht besetzbar halte. Ein Platzierungserfolg misst sich für mich nicht daran, dass jemand den Vertrag unterschreibt oder der Job beginnt – sondern daran, dass der Mitarbeitende nach zwei Jahren immer noch da ist. Genau das unterscheidet nachhaltige Beratung von reinem Volumengeschäft. Wer einfach nur drei Lebensläufe in 48 Stunden durchgereicht haben möchte, ist bei mir falsch.

arbeitsblog: Auf den Thementagen Personalvermittlung & Recruiting bist du zweimal im Einsatz. Worauf können sich die Teilnehmenden einstellen?

Samentha Schewe: Ich habe mich vor wenigen Wochen in den Verbandsbereich Personalvermittlung beim GVP wählen lassen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass sich mit der Verbandsarbeit an der Vermittlungsqualität deutlich mehr bewegen lässt als über Beiträge auf LinkedIn. Meine beiden Beiträge drehen sich im Kern um dieselbe Erkenntnis: Vermittlung funktioniert nur, wenn alle Seiten Verantwortung übernehmen.

Im Experten-Talk unter dem Titel „Gute Vermittlung braucht zwei Seiten: Was Kunden und Personalvermittler voneinander erwarten“ geht es um den wundesten Punkt unserer Branche. Wir sprechen ständig über Kandidatenqualität, aber fast nie über Briefingqualität. Ich werde die Erwartungshaltungen beider Seiten offenlegen – also was meine Kund*innen zu Recht von mir erwarten dürfen und was ich als Beraterin von ihnen brauche, um überhaupt liefern zu können.

Der zweite Beitrag heißt „Zukunft der Personalvermittlung: Wie sich unser Markt verändert“. Gemeinsam mit einem Kollegen beleuchte ich die unterschiedlichen Dynamiken am Markt. Die Zeitarbeit spürt Marktbewegungen sofort, während die Direktvermittlung und Executive Search zeitversetzt reagieren. Die Schlüsse, die man daraus ziehen muss, unterscheiden sich grundlegend.

 

Weitere Informationen zum Programm und zu den Speakern der Thementage Personalvermittlung & Recruiting finden Sie hier. 

 

arbeitsblog: Du bist seit 16 Jahren am Arbeitsmarkt: Vor welcher akuten Herausforderung steht die Recruitingbranche aktuell?

Samentha Schewe: Die Branche hat ihr Geschäftsmodell jahrelang auf ständiges Wachstum gebaut und merkt gerade, dass sie keines hat, das ohne funktioniert. Der Abschwung von 2023 bis 2025 hat viele Anbieter aus dem Markt gespült.

Das Problem ist: Wer nur Profile und Geschwindigkeit verkauft, hat kein Argument mehr, sobald der Kundenbetrieb nicht mehr in Panik einstellt. Hinzu kommt ein Vertrauensproblem. Kund*innen haben zu oft erlebt, dass vermittelte Kandidat*innen nach wenigen Monaten weg waren und die Berater*innen nach der Rechnung nicht mehr erreichbar waren. Das rächt sich jetzt. Personalvermittlung ist am Ende reine Vertrauenssache. 

„Ein Algorithmus erkennt zwar Muster, aber keinen Kontext. Am Ende muss der Mensch bewerten.“

– Samentha Schewe

arbeitsblog: Welche Fähigkeit müssen Recruiter und Führungskräfte heute mitbringen, die früher zweitrangig war?

Samentha Schewe: Nein sagen können. Früher war reine Aktivität und Fleiß die Währung: Viele Anrufe, viele Send-outs, in der Hoffnung, dass irgendetwas hängen bleibt. Das funktioniert heute nicht mehr. Die Kandidat*innen sind schwerer erreichbar, die Kundenunternehmen anspruchsvoller und die Margen stehen unter Druck. Was heute zählt, ist echtes Urteilsvermögen – also präzise einschätzen zu können, welches Mandat man annimmt und welches nicht, oder welche Kandidat*innen wirklich passen und welche nur auf dem Papier gut aussehen.

Künstliche Intelligenz nimmt uns dabei extrem viel administrative Arbeit ab, von Recherchen bis zu Formulierungen. Sie ist perfekt in der Vorbereitung, aber schlecht im Urteil. Ein Algorithmus erkennt zwar Muster, aber keinen Kontext. Am Ende muss der Mensch bewerten.

Bei Führungskräften ist es dasselbe eine Ebene höher: Man muss aushalten, im Abschwung unpopuläre Entscheidungen zu treffen und diese klar zu erklären, statt zu vertrösten oder schönzureden. Das war früher zweitrangig, weil stetiges Wachstum viele Fehler kaschiert hat. Ein wachsender Markt verzeiht Fehlentscheidungen – ein schrumpfender Markt nicht.

 

Über Samentha Schewe

Samentha Schewe ist Rec2Rec-Recruiterin, Executive-Search-Headhunterin und staatlich anerkannter Business Coach. Ihr Fokus liegt auf der Besetzung von Schlüsselpositionen innerhalb der Personaldienstleistungsbranche – von Berater*innen über das Management bis hin zum Aufbau ganzer Teams und neuer Standorte. Seit 16 Jahren am Arbeitsmarkt tätig, davon 12 Jahre in der Beratung, kennt sie die Branche aus eigener operativer Erfahrung und begleitet mit ihrem Unternehmen Elite Business Angel Personalberatungen bei Wachstum, Neuausrichtung und Restrukturierung. Sie ist Autorin, Speakerin und Mentorin, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Gründerstipendium NRW. Ergänzt wird ihre Arbeit durch Coaching zu Leadership, strategischem Outplacement und Persönlichkeitsentwicklung.

Kontakt

0911974780 info@kontext.com