28.10.2026

Wohin muss sich die Personaldienstleistung entwickeln?

  • In diesem Jahr fand zum ersten Mal pdl.60 – der ThinkTank für Personaldienstleister statt. 
  • Das Event des Gesamtverbands der Personaldienstleister e. V. (GVP) brachte 60 Vordenker*innen aus Mitgliedsunternehmen zusammen. Im Mittelpunkt standen zentrale Zukunftsfragen der Branche – von künstlicher Intelligenz über neue Geschäftsmodelle bis hin zur gemeinsamen Gestaltung eines neuen Branchenbildes.
  • Reicht das bisherige Geschäftsmodell der Personaldienstleistung für die Zukunft noch aus? Und wie können aus gemeinsamen Ideen konkrete Veränderungen entstehen? Darüber sprechen wir mit Melanie Mager-Kornisch, COO der AlphaConsult-Gruppe und GVP-Vorstandsmitglied.

arbeitsblog: Frau Mager-Kornisch, mit pdl.60 hat der GVP ein neues Format ins Leben gerufen, das sich bewusst vom klassischen Branchenevent unterscheidet. Was war die Idee dahinter und was sollte ein Think Tank ermöglichen, das auf herkömmlichen Veranstaltungen oft zu kurz kommt?

Melanie Mager-Kornisch: Auf klassischen Veranstaltungen hören wir für gewöhnlich Vorträge und nehmen viele Impulse mit. Bei pdl.60 war der Anspruch ein anderer: Die Mitglieder des GVP sollten nicht nur zuhören, sondern auch aktiv werden, Erfahrungen teilen und neue Perspektiven entwickeln. Menschen aus unterschiedlichen Unternehmen haben für einen Tag den Wettbewerbsgedanken beiseitegelegt und gemeinsam an Zukunftsfragen der Branche gearbeitet. Die Methodik führte vom gemeinsamen Verständnis der Ausgangslage über die Ideenentwicklung bis zu konkreteren Lösungsskizzen. Genau diese Mischung aus Offenheit, Struktur und aktiver Beteiligung macht für mich den besonderen Wert des Formats aus.

arbeitsblog: Sie haben pdl.60 als Branchenexpertin begleitet. Wie haben Sie die Veranstaltung persönlich erlebt? Gab es einen Moment oder eine Diskussion, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Melanie Mager-Kornisch: Ich habe den Tag als intensiv, offen und sehr direkt erlebt. Die Teilnehmenden haben von Beginn an gemeinsam an konkreten Themen gearbeitet und waren schnell in der Diskussion. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, wie aus unterschiedlichen Erfahrungen plötzlich gemeinsame Fragen entstanden. Geschäftsmodell 2030, der menschliche USP im Wettbewerb mit künstlicher Intelligenz und ein neues, gemeinsam getragenes Branchenbild – für mich sind das keine getrennten Themen, sondern drei Perspektiven auf dieselbe Frage: Wie wollen wir die Zukunft der Personaldienstleistung gestalten?

arbeitsblog: Die Personaldienstleistungsbranche steht seit Jahren unter erheblichem Veränderungsdruck. Gleichzeitig drehen sich viele Diskussionen immer wieder um dieselben Herausforderungen. Braucht die Branche einen grundlegend anderen Austausch, um tatsächlich neue Lösungen zu entwickeln?

Melanie Mager-Kornisch: Ich würde das begrüßen. Wir brauchen neben klassischen Veranstaltungen auch Gelegenheiten, Zukunft nicht nur zu diskutieren, sondern gemeinsam zu entwickeln. Ein Think Tank darf Fragen stellen, auf die noch niemand eine fertige Antwort hat, und zunächst auch ungewöhnliche Ideen zulassen. Gleichzeitig darf der Austausch nicht beliebig bleiben. Bei pdl.60 haben wir den Status quo reflektiert, daraus konkrete ‚Wie könnten wir?‘-Fragen formuliert und Ideen nach Nutzen und Machbarkeit bewertet. Diese Verbindung aus Freiraum und Struktur hilft, bekannte Argumentationsmuster zu verlassen und Mitglieder zu aktiven Mitgestaltenden zu machen.

arbeitsblog: Bei pdl.60 ging es darum, gemeinsam an der Zukunft der Personaldienstleistung zu arbeiten. Wie gelingt es, aus unterschiedlichen Perspektiven und möglicherweise auch konkurrierenden Interessen gemeinsame Ideen zu entwickeln? Und welche Rolle spielt dabei die Bereitschaft, gewohnte Denkmuster infrage zu stellen?

Melanie Mager-Kornisch: Unterschiedliche Perspektiven sind die eigentliche Stärke des Formats. Ein großes, überregional tätiges Unternehmen guckt anders auf den Markt als ein spezialisierter Mittelständler. Entscheidend ist, nicht sofort die eigene Lösung zu verteidigen. Wir haben uns deshalb zunächst über Ausgangslage, Chancen und Herausforderungen verständigt. In der Ideenphase galt dann: erst sammeln, noch nicht bewerten und auch ungewöhnliche Vorschläge zulassen. Ich fand es sehr erfrischend zu sehen, wie offen die Kolleginnen und Kollegen an die Zukunftsthemen der Branche herangegangen sind und sich gefragt haben ‚Was wäre, wenn wir es einmal so versuchen?‘.

Geschäftsmodell 2030, der menschliche USP im Wettbewerb mit künstlicher Intelligenz und ein neues, gemeinsam getragenes Branchenbild – für mich sind das keine getrennten Themen, sondern drei Perspektiven auf dieselbe Frage: Wie wollen wir die Zukunft der Personaldienstleistung gestalten?

– Melanie Mager-Kornisch

arbeitsblog: Sie haben sich mit dem Thema „Geschäftsmodell 2030: Vom Personaldienstleister zum Workforce-Orchestrator“ beschäftigt. Was steckt hinter diesem Begriff und warum könnte das bisherige Geschäftsmodell der Personaldienstleistung künftig an seine Grenzen stoßen?

Melanie Mager-Kornisch: Ein Workforce-Orchestrator stellt nicht nur Personal für einen einzelnen Bedarf bereit. Er versteht die gesamte Workforce-Situation des Kunden und verbindet passende Leistungen, Kompetenzen und Beschäftigungsformen. Dazu können etwa Arbeitnehmerüberlassung, Personalvermittlung, Freelance-Leistungen, Payrolling oder Qualifizierung gehören. Im Kern geht es um den Wechsel vom einzelnen Auftrag zur Lösung eines Personal- oder Kapazitätsproblems. Die Arbeitnehmerüberlassung bleibt dabei für viele Unternehmen ein starkes Fundament. Die interessante Frage lautet: Was lässt sich darauf zusätzlich aufbauen? Die konkreten Ideen aus pdl.60 möchte ich noch nicht vorwegnehmen, aber es gab dazu unterschiedliche und spannende Ansätze.

arbeitsblog: Wenn Personaldienstleister künftig stärker zu Workforce-Orchestratoren werden sollen: Was würde sich dadurch konkret verändern? Welche Aufgaben und Kompetenzen müssten Unternehmen aufbauen, und welche Rolle würde die klassische Arbeitnehmerüberlassung dann noch spielen?

Melanie Mager-Kornisch: Vor allem würde sich der Blick auf den Kunden verändern. Wir müssten stärker verstehen, welches Problem das Unternehmen lösen möchte und welche Kombination von Leistungen dafür sinnvoll ist. Dafür braucht es Kundenverständnis, Beratungskompetenz, Technologie und die Fähigkeit, verschiedene Angebote miteinander zu verbinden. Die Arbeitnehmerüberlassung bleibt ein wichtiger Bestandteil, kann aber stärker in ein breiteres Portfolio eingebettet werden. Nicht jedes Unternehmen muss sofort alles anbieten. Entscheidend ist, die eigenen Stärken zu kennen und gezielt passende Kompetenzen aufzubauen. 

arbeitsblog: Gerade kleinere und mittelständische Personaldienstleister haben im Tagesgeschäft häufig wenig Spielraum, um sich mit langfristigen Zukunftsfragen zu beschäftigen. Wie können auch sie von einem Format wie pdl.60 profitieren und was können sie bereits heute tun, um ihr Geschäftsmodell zukunftsfähig aufzustellen?

Melanie Mager-Kornisch: Gerade kleineren und mittelständischen Unternehmen fehlt oft nicht die Kompetenz, sondern die Zeit, Zukunftsfragen systematisch zu bearbeiten. pdl.60 bündelt Erfahrungen aus der Mitgliedschaft und macht unterschiedliche Perspektiven zugänglich. Dabei geht es nicht um ein Einheitsrezept, sondern um Fragen und Werkzeuge, mit denen jedes Unternehmen den eigenen Stand prüfen kann: Welche Kundenprobleme lösen wir heute? Was unterscheidet uns? Wo liegt der nächste sinnvolle Schritt? Manche werden feststellen: ‚Das machen wir bereits.‘ Andere entdecken neue Ansätze. Beides ist wertvoll. Deshalb lohnt sich der Blick auf die Veröffentlichungen der nächsten Wochen, auch für alle, die nicht vor Ort waren.

arbeitsblog: Wie geht es mit den Ideen und der entstandenen Community weiter? Und woran würden Sie persönlich in ein oder zwei Jahren erkennen, dass der Think Tank tatsächlich etwas in der Branche bewegt hat?

Melanie Mager-Kornisch: Die eigentliche Arbeit beginnt nach dem Veranstaltungstag. Die Ergebnisse werden so aufbereitet, dass auch Mitglieder, die nicht dabei waren, sie verstehen, prüfen und für das eigene Unternehmen nutzen können. Danach muss sich zeigen, welche Ansätze vertieft und gemeinsam weiterentwickelt werden. In ein oder zwei Jahren wäre pdl.60 für mich dann erfolgreich, wenn Unternehmen Impulse praktisch erprobt haben und Mitglieder über Unternehmensgrenzen hinweg weiter voneinander lernen. Entscheidend ist, ob aus Gedanken Gespräche, aus Gesprächen Erprobungen und daraus neue Orientierung für die Branche entsteht. 

Der GVP hält seine Mitglieder über die Ergebnisse von pdl.60 auf dem Laufenden.

arbeitsblog: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

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