Rensing reagiert auf Schröder-Beitrag: „Nicht nur klagen, zusammen Lösungen finden!“

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thorsten_rensing
Puzzlestück
  • Thorsten Rensing, Geschäftsführer von STAFF RENT, schreibt eine Replik auf Edgar Schröders Beitrag „Gegen die Zeitarbeit im Gesundheitswesen wird negative Propaganda betrieben!“ aus der letzten Woche
  • Statt mit Klagen gegen die negative öffentliche Wahrnehmung vorzugehen, plädiert Rensing dafür, sich in die Akteure aus der Pflegebranche hineinzuversetzen. Tut man das, werde schnell klar, warum die Pflegebranche im Markt und auf politischer Ebene nach Alternativen zur Zeitarbeit sucht
  • Die Abhängigkeit des Gesundheitswesens von der Zeitarbeit ist kein Vorteil, sondern ein Desaster, findet Rensing. Statt die Probleme der Kunden in der Pflegebranche zu ignorieren, sei es wichtig, auf sie zuzugehen und gemeinsam Lösungen zu finden. Dadurch ändere sich die Wahrnehmung – und jegliche Propaganda liefe ins Leere

Zeitarbeit: Vom Problemlöser zum Problem.“ So titelte kma online schon im August 2019. Geht das nun in Richtung Propaganda, wie Edgar Schröder hier im arbeitsblog schreibt, oder bildet es vielleicht doch die Tatsachen ab?

Nun, die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Aber die Opferrolle, in der sich die Zeitarbeit aktuell sieht, ist nur zum Teil begründet. Es geht hier nämlich nicht nur um die Frage nach ungerechtfertigter (politischer) Einflussnahme, sondern vielmehr um die Existenzberechtigung einer Branche in einem Bereich des Marktes, der nur zum Teil frei ist. Und der – wie unsere Branche auch – massiven Regulierungen unterliegt und vielen Stakeholdern gerecht werden muss.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Vieles, was Edgar Schröder in seinem Beitrag schreibt, ist für sich genommen richtig und darf – nein, muss – formuliert werden. Es ist aber nicht minder wichtig, das Gesagte beziehungsweise Geschriebene in die Gesamtzusammenhänge einzuordnen.

Thorsten Rensing zum Problem des ungleichen Lohns:
„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist ein bekannter Spruch, den Gewerkschaften gerne gegen Zeitarbeit vorbringen. Es spielt dabei keine Rolle, ob Stammpersonal oder Zeitarbeitskräfte mehr verdienen – ist der Lohn nicht gleich, ist unser Gerechtigkeitsgefühl gestört.

Das Problem, das die Zeitarbeit im Pflegebereich hat (oder verursacht?), zu marginalisieren, so wie es die beiden Verbände in ihren Stellungnahmen (BAP-Stellungnahme / iGZ-Stellungnahme) tun, ist dabei nicht zielführend. Denn im Endeffekt geht es doch gar nicht um den Anteil der beschäftigten Zeitarbeitnehmer in der Pflege, sondern darum, was sie die Einrichtungen kosten. Und vor allem darum, wie die Zeitarbeit im und vom Gesundheitswesen wahrgenommen wird! Antwort: nicht sonderlich gut. Dafür gibt es mindestens drei Gründe:

Erstens: Zeitarbeit mitverantwortlich für langfristig negative Zahlen
Jeder, der schon einmal mit einer gebuchten Dienstleistung unzufrieden war, kennt den Gedanken: „Das mache ich nie wieder!“ oder „So richtig gut war das jetzt aber nicht!“. Künftig wird diese Dienstleistung wirklich nur noch dann gebucht, wenn es gar nicht mehr anders geht – und das mit einer negativen Grundstimmung. Den Verantwortlichen in Kliniken geht es mit der Zeitarbeit nicht anders: Sie haben unserer Branche gegenüber genau dieses Gefühl entwickelt. Sie befinden sich in einem Zielkonflikt, bei dem sie ein kurzfristiges Problem (fehlendes Personal beschaffen) lösen müssen und damit langfristigen Schaden (Budgetüberschreitungen und negative Zahlen) verursachen.

Zweitens: Zeitarbeit stört das Gerechtigkeitsgefühl
„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist ein bekannter Spruch, den Gewerkschaften gerne gegen Zeitarbeit vorbringen. Es spielt dabei keine Rolle, ob Stammpersonal oder Zeitarbeitskräfte mehr verdienen – ist der Lohn nicht gleich, ist unser Gerechtigkeitsgefühl gestört. Zeitarbeitsfirmen brüsten sich aktuell gerne damit, dass sie mehr zahlen als Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen. Das mag stimmen, trägt aber nicht zu einer besseren Wahrnehmung der Zeitarbeit in der Pflege bei. Denn: Dem Kunden ist natürlich bewusst, dass er die Vergünstigungen der Zeitarbeitsfirmen finanziert. Nichts davon übernimmt – zumindest in seiner Wahrnehmung – das überlassende Unternehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass ihm die für Zeitarbeit eingesetzten Mittel fehlen, um seine eigene Situation zu verbessern. Eine Zwickmühle!

Drittens: Zeitarbeitnehmer belasten Stammpersonal
Unbestritten ist: Zeitarbeitsunternehmen halten oft den Pflegebetrieb aufrecht. Der Einsatz von Zeitarbeitskräften wird dabei aber nicht als eine Verbesserung wahrgenommen. Das maximal erreichbare Ziel ist die Aufrechterhaltung des Betriebes. Zu einem, in doppelter Hinsicht, hohen Preis. Einerseits finanziell. Andererseits, weil die individuelle Belastung des Stammpersonals steigt. Denn irgendwer muss die neuen Kollegen aus der Zeitarbeit schließlich einarbeiten. Zu guter Letzt fühlen sich Kliniken, die auf Zeitarbeit setzen, häufig genötigt, den eigenen Dienstplan umzustellen. Quasi als Voraussetzung, um überhaupt Unterstützung zu erhalten. Kein schönes Bild, oder? Der Kunde wird zum Bittsteller und das Zeitarbeitsunternehmen unterstützt die Rosinenpickerei der Zeitarbeitnehmer.

Angesichts der drei genannten Gründe halte ich es keineswegs für verwunderlich, dass die Pflegebranche auf politischer Ebene und im Markt nach Alternativen zur Zeitarbeitsbranche sucht!

Lösungen der Politik: regulieren, regulieren, regulieren
Die Politik hat nur eine Möglichkeit einzugreifen: sie reguliert. Dass sie das angesichts der gegenwärtigen Marktsituation tut, ist nicht verwunderlich. Insbesondere, da dem Gesundheitsminister Jens Spahn durchaus Ambitionen auf höhere Ämter unterstellt werden können. Um die zu untermauern, muss er Problemfelder angehen und politisch lösen. Mit dem Apotheken-Urteil als argumentativer Grundlage kann er hier eingreifen. Ebenso mit finanziellen Hebeln, wie Edgar Schröder in seinem Beitrag richtigerweise schreibt: „Schon ist der ambitionierte Gesundheitsminister Jens Spahn mit einem 'pfiffigen Taschenspielertrick' auf der politischen Bühne 'genial' in Erscheinung getreten. Die Refinanzierung der Kosten für externes Pflegepersonal ohne direktes Beschäftigungsverhältnis mit den Krankenhäusern wird auf die einschlägigen Tarifentgelte im Sinne von Equal Pay gedeckelt.“

Gegen die (Über-)Regulierung durch die Politik vorzugehen, ist Sache der Verbände, die sich auch schon in Stellung gebracht haben. Geräuschlos und ungehört wie immer. Die Situation zu verändern, ist Sache von uns Zeitarbeitsunternehmen. Es ist sogar unsere Pflicht, denn in einer arbeitsteiligen Gesellschaft sind nur die nachhaltig erfolgreich, die den Kundennutzen im Fokus haben – und ihre Kunden nicht allzu sehr knebeln. Der Krug geht eben nur so lange zum Brunnen, bis er bricht.

Lösungen des Marktes: neue Plattformen wie InSitu oder GigWork
Und genau jetzt wird es spannend. Denn mal angenommen, die Politik tut nichts – dann wird der Markt ‚das Problem Zeitarbeit’ umso drastischer lösen. Kunden, die sich von der Zeitarbeit erpresst oder gar genötigt fühlen, werden zwar kurzfristig der Notwendigkeit gehorchen und auf unsere Dienstleistung zurückgreifen. Langfristig suchen sie aber nach Ausweichmechanismen. Gut für die Zeitarbeit war, dass es sie nicht wirklich gab, die Alternativen. Freiberufliche Krankenpfleger unterliegen immer dem Risiko der Scheinselbstständigkeit. Aber gerade neu erschaffene Plattformen wie InSitu oder GigWork zeigen, dass die Dienstleistung des einzelnen Zeitarbeitsunternehmens austauschbar ist. Noch schlimmer aus Sicht unserer Branche: Durch die direkte Verbindung von Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden wir als Mittelsmann überflüssig. Die Akteure in der Gesundheitsbranche profitieren hingegen, sie können die eingesparten Mittel umverteilen. Noch sind die erwähnten Plattformen kein Massenphänomen, aber je mehr sie genutzt werden, umso weiter wird der laut BAP ohnehin schon rückläufige Trend der Zeitarbeit in der Pflege einbrechen.

Fazit

Hat Edgar Schröder Recht, wenn er beklagt, dass Propaganda gegen den Einsatz von Zeitarbeit in der Pflege betrieben wird? Ja, hat er. Aber das ist nichts Neues, sondern eine altbewährte Strategie. Hier mit Sachargumenten und gar mit Klagen vorzugehen, ist das falsche Mittel und nicht zielführend. Im Gegenteil: Der Kampf wird zum Rückzugsgefecht. Neue Marktbegleiter oder Beschäftigungsformen haben in der derzeitigen Situation langfristig einen viel gravierenderen Impact! Schröders Vermutung, dass es die besseren Arbeitsbedingungen in der Zeitarbeit sind, die der Politik nicht schmecken, teile ich hingegen nicht. Es ist die Ungleichbehandlung. Dazu kommen Individualinteressen. Und natürlich das Geld, das aus dem System gezogen wird und zu steigenden Krankenkassenkosten führen könnte. Eine Hiobsbotschaft für die Politik. Last but not least: Edgar Schröder schreibt, dass es der Vorteil der Zeitarbeit sei, dass Kunden „keine andere Wahl [haben], als auf Zeitarbeit zurückzugreifen.“ Meiner Meinung nach ist das kein Vorteil, sondern ein Desaster. Denn so wird sich an der negativen Wahrnehmung nie etwas ändern. Statt die Probleme der Kunden im Gesundheitswesen zu ignorieren, wäre es wichtig, auf sie zuzugehen, mit ihnen zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Dann ändert sich die Wahrnehmung unserer Branche – und jede Propaganda gegen uns geht ins Leere.


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Thorsten Rensing studierte Lehramt in Köln sowie Wirtschaftsjura in Hamburg und Boston. Er ist Geschäftsführer von STAFF RENT. Zudem ist er als Dozent tätig und berät Unternehmen in den Bereichen Bildungskonzepte, agile Arbeitsstrukturen und Change-Management.

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