27.08.2026

Vom Schmuddelkind zum Sprungbrett: Ist die Zeitarbeit besser als ihr Ruf?

  • Ab September steigt die Lohnuntergrenze in der Zeitarbeit auf 15,33 Euro. Damit liegt er deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn.
  • Vor allem für Menschen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben, ist die Branche ein wichtiger Weg zurück in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
  • Trotzdem hält sich das schlechte Image hartnäckig. Unsere Redakteurin Kristina Pauncheva findet: Es wird Zeit, auch über die andere Seite der Zeitarbeit zu sprechen.

Über Zeitarbeit kann man hervorragend streiten. Das weiß ich nach einigen Jahren beim arbeitsblog ziemlich gut.

An Argumenten mangelt es dabei selten. Zu teuer, zu unsicher, zu viel Wechsel auf der einen Seite. Flexibel, tariflich geregelt, unverzichtbar für den Arbeitsmarkt auf der anderen. Und irgendwo dazwischen liegt eine Branche, die sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt hat, während ein Teil der Debatte über sie erstaunlich unverändert geblieben ist.

Ab September liegt die Lohnuntergrenze in der Zeitarbeit bei 15,33 Euro und damit deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn von 13,90 Euro. Das allein ist noch kein Grund, das schlechte Image der Branche feierlich zu beerdigen. Aber es ist ein guter Anlass, es wieder einmal auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

15,33 Euro machen noch keinen Traumjob

Machen wir aus einer Zahl mehr, als sie ist? Nein. Die neue Lohnuntergrenze macht die Zeitarbeit weder zum Hochlohnsektor noch dürfte sie Heerscharen von Beschäftigten dazu bringen, begeistert den Arbeitgeber zu wechseln. Aber die Einordnung gehört dazu. Denn, wenn die unterste Lohngrenze der Zeitarbeit gut zehn Prozent über dem gesetzlichen Minimum liegt, dann passt das nicht besonders gut zur Vorstellung einer Branche, deren Geschäftsmodell angeblich vor allem auf möglichst billiger Arbeit beruht. Viel interessanter als diese 1,43 Euro Unterschied finde ich aber ohnehin, welche Rolle Personaldienstleister dort spielen, wo Menschen überhaupt erst einmal wieder einen Job brauchen.

Jede siebte Beschäftigungsaufnahme aus dem Bürgergeld führt in die Zeitarbeit

Die Zahlen sind ziemlich eindeutig: Innerhalb eines Jahres fanden 206.000 zuvor arbeitslose Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bei einem Zeitarbeitsunternehmen. Das entspricht zwölf Prozent aller Menschen, die in diesem Zeitraum direkt aus der Arbeitslosigkeit in einen sozialversicherungspflichtigen Job wechselten. Noch deutlicher wird es bei Menschen, die vom Jobcenter betreut werden: Hier führte sogar jede siebte sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsaufnahme zu einem Unternehmen der Arbeitnehmerüberlassung. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entwicklungen in der Zeitarbeit, Januar 2026) Das ist keine kleine Randnotiz. Ich finde: Über Zeitarbeit als Instrument für Unternehmen sprechen wir ständig. Über Zeitarbeit als Weg in Arbeit erstaunlich selten.

Vielleicht reden wir über die falsche Stärke der Zeitarbeit

Noch interessanter wird es, wenn man sich anschaut, wer in der Zeitarbeit beschäftigt ist. Menschen ohne Berufsabschluss sind hier deutlich stärker vertreten als unter allen Beschäftigten. Auch Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit finden sich überproportional häufig in der Branche. Das lässt sich leicht als Schwäche lesen: viele einfache Tätigkeiten, niedrigere Qualifikationsanforderungen, entsprechend niedrigere Gehälter. Man kann aber auch fragen, warum ausgerechnet diese Gruppen so häufig über Personaldienstleister in Beschäftigung kommen.

Wer keinen geradlinigen Lebenslauf mitbringt, keinen anerkannten Berufsabschluss hat, nach längerer Arbeitslosigkeit zurückkehrt oder beruflich noch einmal neu anfangen möchte, passt nicht unbedingt perfekt in die Schablone einer Stellenanzeige. Und der klassische Bewerbungsprozess ist bekanntlich nicht besonders gut darin, über solche Schablonen hinwegzusehen.

Personaldienstleister haben hier einen anderen Ausgangspunkt. Sie besetzen nicht nur eine konkrete Stelle in einem konkreten Unternehmen. Sie kennen verschiedene Betriebe, unterschiedliche Anforderungen und offenen Personalbedarf. Wer für Einsatz A nicht infrage kommt, kann für B genau richtig sein. Das ist natürlich keine Garantie für einen Job, aber es vergrößert die Zahl der Türen, an die jemand überhaupt klopfen kann.

Doch wer Personaldienstleistung vor allem als Einstieg für gering Qualifizierte oder Menschen nach längerer Arbeitslosigkeit versteht, greift genauso zu kurz. Die Branche ist heute deutlich breiter aufgestellt. Personaldienstleister vermitteln hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte direkt in Unternehmen, rekrutieren Spezialist*innen für schwer zu besetzende Positionen oder überlassen gefragte Fachkräfte für Projekte, in denen besonderes Know-how gebraucht wird. IT, Engineering, Medizin oder Finance haben mit dem alten Bild von Zeitarbeit als Helferbranche nur noch wenig zu tun.

Vielleicht liegt die Stärke der Personaldienstleistung gar nicht in einer bestimmten Zielgruppe, sondern darin, sehr unterschiedliche Menschen und Unternehmen dort zusammenzubringen, wo der klassische Weg nicht immer funktioniert. Für einige kann das der Wiedereinstieg nach längerer Arbeitslosigkeit sein, für andere der nächste Karriereschritt und die Vermittlung in eine hochspezialisierte Position.

Das Schmuddelkind-Image sitzt tief

Ich schreibe im arbeitsblog seit Jahren über Personaldienstleistung und kenne die Vorurteile, mit denen die Branche zu kämpfen hat. Dass es auch hier Unternehmen gibt, die schlechte Arbeitsbedingungen bieten oder ihrer Verantwortung gegenüber Beschäftigten nicht gerecht werden, will ich gar nicht schönreden. Schwarze Schafe gibt es – wie in anderen Branchen auch. Sie zum Maßstab für eine ganze Branche zu machen, wird der heutigen Personaldienstleistung aber genauso wenig gerecht.

Denn innerhalb der Branche passiert längst einiges, um Qualität nicht dem Zufall zu überlassen. Der Gesamtverband der Personaldienstleister (GVP) hat eigene Qualitätsstandards entwickelt, die über gesetzliche Mindestanforderungen hinausgehen. Seit 2025 sind sie in den Ethik- und Verhaltenskodex des Verbandes eingebunden; Mitgliedsunternehmen können sich rechtsverbindlich zu ihrer Einhaltung verpflichten. Für Bereiche wie Personalvermittlung, Pflege, Pädagogik oder internationale Mobilität gibt es konkrete Kriterien – von transparenten Prozessen bis zur Unterstützung internationaler Fachkräfte bei ihrer Integration. Natürlich löst das nicht jedes Problem. Hinzu kommt, dass ein Kodex am Ende immer nur so viel wert ist wie die Unternehmen, die ihn im Alltag mit Leben füllen. Aber es zeigt, welchen Anspruch große Teile der Branche inzwischen an sich selbst stellen. Auch das gehört zur Realität, wenn wir über ihr Image sprechen.

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