Warum Digitalisierung im Mittelstand Chefsache sein muss
- Markus Zwingel, Geschäftsführer und Chief Digital Officer (CDO) der Fürst Gruppe, erläutert, warum Digitalisierung im Mittelstand nicht aus der IT heraus funktioniert, sondern zwingend in der Geschäftsführung verankert sein muss.
- Die Personaldienstleistungsbranche hat digital aufgeholt, steht laut Zwingel aber noch vor der Herausforderung, Daten strategisch zu nutzen statt sie nur zu sammeln.
- Beim Einsatz von KI im Recruiting sieht Zwingel großes Potenzial für Geschwindigkeit und Effizienz – warnt jedoch davor, technologische Möglichkeiten ohne klare ethische Leitplanken einzusetzen.
arbeitsblog: Herr Zwingel, dass die Fürst Gruppe die Rolle des Chief Digital Officer (CDO) geschaffen hat, zeigt deutlich, welchen Stellenwert Digitalisierung im Unternehmen hat. Was war der zentrale Impuls, diesen Schritt zu gehen – und wie definieren Sie Ihren Auftrag?
Markus Zwingel: Ich bin seit 19 Jahren bei Fürst und habe die Digitalisierung von einem Punkt aus gestartet, an dem sie faktisch nicht vorhanden war. Anfangs ging es um klassische IT-Themen, später um die Digitalisierung der gesamten Gruppe – mit sehr viel Gestaltungsfreiheit.
Irgendwann wurde aber klar: Digitalisierung scheitert nicht an Technik, sondern an Silos. Wenn Fachbereiche nicht wollen, geht nichts voran. Deshalb haben wir 2018 bewusst eine CDO-Rolle in der Geschäftsführung geschaffen. Digitalisierung betrifft alle Bereiche – und braucht eine Stelle, die bündeln, priorisieren und auch durchsetzen kann. Für einen Mittelständler ist alles andere gefährlich.
arbeitsblog: Wenn Sie auf die Personaldienstleistung blicken: Wo steht die Branche aktuell in Sachen Digitalisierung?
Markus Zwingel: Ich würde sagen, sie befindet sich im soliden Mittelfeld. Es hat sich in den vergangenen Jahren enorm viel getan, vor allem bei Infrastruktur, Basisprozessen und Software. Lange lag der Fokus darauf, interne Abläufe effizienter zu machen.
Jetzt kommt die nächste Stufe: Daten. Viele Unternehmen sammeln sie, aber nutzen sie kaum. Künstliche Intelligenz gibt diesem Thema gerade enormen Schub. Denn erstmals lassen sich ohne großartige Datenkompetenz durch KI sinnvollen Schlüsse ziehen, etwa bei der Ausrichtung des Vertriebs oder beim optimalen Einsatz von Mitarbeitenden. Mein Eindruck: Wir könnten uns mehr trauen. Der rechtliche Rahmen ist da, man muss ihn nutzen – ohne Grenzen zu überschreiten.
Digitalisierung betrifft alle Bereiche – und braucht eine Stelle, die bündeln, priorisieren und auch durchsetzen kann. Für einen Mittelständler ist alles andere gefährlich.
arbeitsblog: Welche digitalen Trends beobachten Sie im Moment, die für Personaldienstleister wirklich einen Unterschied machen – und welche sind eher überschätzt?
Markus Zwingel: Ein klarer Hebel ist die Bewerberansprache. Geschwindigkeit im Erstkontakt, intelligentes Screening von Unterlagen, automatisierte Rückfragen – hier kann KI enorm entlasten.
In der Zeitarbeit starten wir gerade Testphasen. Wir haben viel aus der Gebäudereinigung, einem unserer anderen Geschäftsfelder, gelernt: Standardfragen wie „Wo? Wann? Wie viel?“ lassen sich hervorragend automatisieren. Die muss in der heutigen Zeit keine reale Person mehr abfragen. Dafür ist die Zeit zu kostbar und kann an anderen Stellen sinnvoller genutzt werden.
Wichtig ist mir: Es geht nicht darum, Menschen zu ersetzen. Wir suchen weiterhin Mitarbeitende. Technologie soll Arbeit erleichtern, nicht entmenschlichen.
arbeitsblog: Wie stark hat sich der Job als Recruiter durch Automatisierung und KI bereits verändert?
Markus Zwingel: Recruiter*innen brauchen heute eine hohe Technologieaffinität. Verschiedene Stellenportale, Social Media Ansprache und ständig neue Tools – das gehört alles zum Alltag. Doch das muss niemand mehr komplett allein bewältigen. Wir erwarten sogar, dass KI genutzt wird. Niemand kann es sich leisten, jede E-Mail manuell zu schreiben.
Gleichzeitig braucht der Einsatz von KI klare Leitplanken. Mitarbeitende müssen geschult werden – nicht nur technisch, sondern auch im verantwortungsvollen Umgang mit den Tools. Es geht darum zu verstehen, wo KI unterstützen darf und wo menschliches Urteil unverzichtbar bleibt. Ethik ist dabei kein Randaspekt, sondern eine zentrale Voraussetzung: Transparenz, Datenschutz und Fairness müssen von Anfang an mitgedacht werden, gerade in einem Umfeld, in dem Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen auf Menschen und ihre beruflichen Perspektiven haben.
arbeitsblog: Vielen Dank für das Gespräch!
Teil 2 des Interviews folgt in Kürze.