20.08.2026

Zeitarbeit auf Wachstumskurs? Was die Zahlen wirklich zeigen

  • Laut Destatis ist der Anteil der Zeitarbeit zwischen 2015 und 2025 von 1,8 auf 2,0 Prozent gestiegen.
  • Die Beschäftigungsstatistik der BA zeigt im gleichen Zeitraum einen deutlichen Rückgang.
  • Zwei offizielle Statistiken, zwei unterschiedliche Entwicklungen – wie passt das zusammen? Und welche Zahlen sagen tatsächlich etwas darüber aus, wie sich die Zeitarbeit in Deutschland entwickelt hat? Diesen Fragen gehen wir im Blogbeitrag auf den Grund.

Eigentlich ist die Botschaft eindeutig. Der Anteil atypischer Beschäftigung in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren gesunken. 2015 zählten noch 20,8 Prozent der Kernerwerbstätigen dazu, 2025 waren es 17,2 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) Mitte August auf Grundlage neuer Ergebnisse des Mikrozensus mit. Bei Teilzeitbeschäftigten mit bis zu 20 Wochenstunden ging der Anteil demnach von 13,4 auf 10,9 Prozent zurück, bei geringfügig Beschäftigten von 6,5 auf 4,1 Prozent. Nur eine Beschäftigungsform scheint sich dem Trend zu widersetzen: die Zeitarbeit. Ihr Anteil sei im gleichen Zeitraum leicht von 1,8 auf 2,0 Prozent gestiegen.

Moment mal. Gestiegen?

Wer regelmäßig die Zahlen zur Zeitarbeit verfolgt, dürfte an dieser Stelle stutzig werden. Denn die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) erzählt eine andere Geschichte. Danach ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Zeitarbeitskräfte an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen Juni 2015 und Juni 2025 nicht gestiegen, sondern deutlich gesunken: von 2,9 auf 1,8 Prozent. Wie passen diese Zahlen zusammen?

Zwei Statistiken, zwei Ergebnisse

Auf den vermeintlichen Widerspruch haben kurz nach Veröffentlichung der Destatis-Zahlen auch Vertreter*innen der Personaldienstleistungsbranche aufmerksam gemacht. Der Gesamtverband der Personaldienstleister (GVP) widersprach der Lesart einer gestiegenen Zeitarbeitsquote. Branchenexperte Edgar Schröder kam unabhängig davon zu einem ähnlichen Schluss. Er verwies auf Zahlen der BA, nach denen der Anteil sozialversicherungspflichtig beschäftigter Zeitarbeitskräfte an der Gesamtbeschäftigung zwischen Juni 2016 und Dezember 2025 von 3,0 auf 1,7 Prozent zurückgegangen ist. Hat sich also jemand verrechnet?

So einfach ist es nicht. Denn hinter den Zahlen stehen unterschiedliche Statistiken – mit unterschiedlichen Methoden und Bezugsgrößen. Die Zahlen von Destatis stammen aus dem Mikrozensus. Für diese größte jährliche Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik wird rund ein Prozent der Bevölkerung befragt. Die Ergebnisse beruhen damit auf einer Stichprobe und werden anschließend auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit hat eine andere Grundlage. Sie basiert auf den Meldungen der Arbeitgeber zur Sozialversicherung. Für sozialversicherungspflichtig beschäftigte Zeitarbeitnehmende liegen damit keine hochgerechneten Befragungsergebnisse, sondern Daten aus dem Meldeverfahren vor. Damit vergleichen wir zwar Zahlen über dasselbe Thema – aber nicht dieselbe Statistik.

Das bedeutet nicht, dass die Destatis-Zahlen falsch sind. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die Aussage, der Beschäftigungsanteil der Zeitarbeit sei zwischen 2015 und 2025 gestiegen, mehr Kontext braucht, als eine einzelne Prozentangabe vermitteln kann.

– Kristina Pauncheva

Der Zehnjahresvergleich hat noch einen Haken

Hinzu kommt ein Punkt, der beim schnellen Lesen der Destatis-Meldung leicht untergeht. Der Mikrozensus wurde 2020 umfassend neugestaltet. Destatis weist selbst darauf hin, dass die Ergebnisse ab 2020 deshalb nur eingeschränkt mit den Vorjahren vergleichbar sind.

Gerade bei der Zeitarbeit kommt eine weitere Besonderheit hinzu: Die Frage zur Zeitarbeit war 2015 noch freiwillig zu beantworten. Erst seit 2017 besteht hierfür Auskunftspflicht. Auch das kann Einfluss darauf haben, wie viele Beschäftigte in der Statistik dieser Beschäftigungsform zugeordnet werden. Ausgerechnet die beiden Werte, zwischen denen die Entwicklung der Zeitarbeit über zehn Jahre beschrieben wird, liegen also auf unterschiedlichen Seiten mehrerer methodischer Veränderungen.

Das bedeutet nicht, dass die Destatis-Zahlen falsch sind. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die Aussage, der Beschäftigungsanteil der Zeitarbeit sei zwischen 2015 und 2025 gestiegen, mehr Kontext braucht, als eine einzelne Prozentangabe vermitteln kann.

Welche Zahl beschreibt die Entwicklung der Zeitarbeit besser?

Der GVP hält für die Beurteilung der Branchenentwicklung die Beschäftigungsstatistik der BA für aussagekräftiger. Die Verbandsbegründung: Anders als beim Mikrozensus handelt es sich bei den Sozialversicherungsmeldungen nicht um eine Stichprobe. Die verfügbaren BA-Daten zeigen über den betrachteten Zeitraum einen deutlichen Rückgang des Anteils der Zeitarbeit.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Branchenexperte Edgar Schröder. Auch er zieht für seine Einordnung die Beschäftigungsstatistik der BA heran. Damit verschiebt sich die entscheidende Frage: Es geht weniger darum, welche der beiden Statistiken „richtig“ ist, sondern darum, welche sich eignet, um die Entwicklung der Zeitarbeitsbranche über diesen Zeitraum zu beurteilen.

Denn ob die Zeitarbeit innerhalb von zehn Jahren von 1,8 auf 2,0 Prozent gewachsen oder von 2,9 auf 1,8 Prozent geschrumpft ist, macht einen erheblichen Unterschied für das Bild, das von der Branche entsteht. Die Zahlen lassen sich jedoch nicht einfach gegeneinander ausspielen, weil sie unterschiedlich erhoben werden und sich auf unterschiedliche Grundgesamtheiten beziehen.

Wer wissen möchte, wie sich die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der Zeitarbeit entwickelt hat, findet in der Beschäftigungsstatistik der BA die unmittelbarere Datengrundlage. Und die zeigt derzeit ziemlich deutlich in eine Richtung: nach unten. Die vermeintliche Ausnahme vom allgemeinen Rückgang atypischer Beschäftigung ist damit zumindest erklärungsbedürftiger, als es auf den ersten Blick scheint. Manchmal lohnt es sich eben, bei einer Statistik nicht nur auf die Zahl zu schauen, sondern auch darauf, wie sie entstanden ist.

Tags

Kontakt

0911974780 info@kontext.com