30.08.2022 Redaktion arbeitsblog

Zunehmender Fachkräftemangel, stärkere Nachfrage nach Personaldienstleistungen

  • Die Zahl der offenen Stellen steigt branchenübergreifend kontinuierlich an. Längst sind es nicht mehr nur die ITK- und die Pflegebranche, die händeringend nach Fachkräften suchen.
  • Einer aktuellen Auswertung der index Gruppe zufolge schreiben derzeit vor allem sehr viele Personaldienstleister Jobs aus. Befindet sich die Branche im Aufwind?
  • Welche Herausforderungen auf die Personaldienstleistung zukommen, welche Chancen sich für sie ergeben und welche Branchen künftig besonders relevant sein werden – darüber haben wir mit Jürgen Grenz, CEO der index Gruppe, gesprochen.

arbeitsblog: Laut der aktuellen Stellenmarktauswertung der Personalmarktforschung index Research schrieben Arbeitgeber rund 5,4 Millionen Stellen im ersten Halbjahr 2022 aus. 1,8 Millionen der Jobangebote wurden von Personaldienstleistern veröffentlicht. Ein Rekordwert – welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Befindet sich die Personaldienstleistung im Aufwind? Und wird sich dieser Trend Ihrer Ansicht nach fortsetzen?

Jürgen Grenz: Unternehmen aller Branchen suchen händeringend Mitarbeiter. Oftmals reicht das Know-how der Firmen nicht aus, um geeignetes Personal zu finden. Daher kommen zunehmend die Profis ins Spiel: Personaldienstleistern, deren tägliches Geschäft das Recruiting ist, können die Aufgabe in vielen Fällen besser lösen. Immer mehr Firmen suchen sich daher Unterstützung: Während im ersten Halbjahr dieses Jahres deutschlandweit fast 1,8 Millionen Stellen von Personaldienstleistern für Kundenunternehmen und die eigene Firma ausgeschrieben wurden, waren es 2020 erst rund 1,4 Millionen und 2021 rund 1,3 Millionen Positionen. Der Anstieg zeigt ganz klar die zunehmende Bedeutung von Personaldienstleistungen am Stellenmarkt.

arbeitsblog: Die hohe Anzahl an ausgeschriebenen Stellen durch Personaldienstleister kann auch dafür sprechen, dass hohe Konkurrenz zwischen den einzelnen Dienstleistern herrscht. Hier wäre interessant zu wissen, in welchen Branchen die Lage besonders angespannt ist. Können Sie anhand der Auswertung aufschlüsseln, in welchen Bereichen besonders viele Stellen von Personaldienstleistern ausgeschrieben werden?

Jürgen Grenz: Personaldienstleister konkurrieren genau wie andere Player in der Wirtschaft um die besten Köpfe. Unserer Analyse zufolge spielen sie bei der Personalbeschaffung im Bereich Transport, Verkehr, Lager und Logistik sowie für Angestellte im Einkauf und Materialwirtschaft sogar eine wichtigere Rolle als die Recruiting-Abteilung der personalsuchenden Unternehmen. Für Mitarbeiter in diesen beiden Bereichen schalteten Personaldienstleister im ersten Halbjahr 2022 nämlich mehr als 51 Prozent aller Stellenanzeigen. Auch bei der Anzeigenschaltung für Personaler, Bauarbeiter und Handwerker lag der Anteil von Personaldienstleistungen deutschlandweit bei weit über 40 Prozent.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird der Fachkräftemangel weiter zunehmen – und die HR-Expertise von Personaldienstleistern noch stärker gefragt sein.

– Jürgen Grenz

Jürgen Grenz (Quelle: index Gruppe)

arbeitsblog: Insgesamt, nicht nur auf die Personaldienstleistung bezogen, bestand die höchste Nachfrage in den Branchen Handel (829.000 Stellen), Industrie (772.000 Stellen) und IKT (500.000 Stellen). Lässt sich beim Vergleich dieser Zahlen mit denen der vergangenen Jahre eine Entwicklung feststellen und vielleicht auch eine Tendenz ausmachen: Wird der Bedarf in diesen Bereichen noch weiterwachsen?

Jürgen Grenz: Prognosen sind dem Volksmund nach immer mit Vorsicht zu genießen, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Diese Binsenweisheit gilt auch für den Stellenmarkt. Niemand kann verlässlich vorhersagen, wie sich die Energie-Krise, der Ukraine-Konflikt und die Corona-Lage auf die wirtschaftliche Entwicklung und damit den Personalbedarf der Unternehmen auswirkt. Rückblickend lässt sich aber sagen, dass die Anzeigenschaltung im Handel, der Industrie und im IKT-Sektor von 2022 auf 2021 um jeweils fast 50 Prozent gestiegen ist. Wahrscheinlich wird das Stellenangebot in diesen drei für die deutsche Wirtschaft wichtigen Branchen auch künftig hoch sein.

Auch im Gastgewerbe und Tourismus bleibt das Stellenangebot auf absehbare Zeit sicherlich auf hohem Niveau, weil viele Servicekräfte in den letzten zwei Jahren die Branche gewechselt haben. Personaldienstleistungen mit Fokus auf diese Bereiche können sich auf viele Aufträge freuen..

– Jürgen Grenz

arbeitsblog: Am meisten gesucht werden laut Erhebung Bauarbeiter und Handwerker (1,2 Mio. Stellen), technische Fachkräfte wie Ingenieure und Architekten (1 Mio. Stellen) und Vertriebler (886.000 Stellen). Würden Sie sagen, dass auch künftig der Bedarf an (hoch-)qualifizierten Arbeitskräften steigen wird? Und wie wird sich das auf die Personaldienstleistungsbranche auswirken?

Jürgen Grenz: Unternehmen brauchen Fachkräfte mit akademischer Bildung und Facharbeiter mit dualer Berufsausbildung gleichermaßen. Aufgrund der Möglichkeiten zur Automatisierung durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz schätzen wir den Bedarf an ungelernten Tätigkeiten eher rückläufig ein. Durch die zunehmende Akademisierung und der sinkenden Anzahl an Jugendlichen fehlen Unternehmen und öffentliche Einrichtungen heute vor allem Auszubildende – Tendenz steigend. Der Azubimangel betrifft auch Personaldienstleistungen, zur Personalsicherung in eigener Sache sollte sie deshalb Personaldienstleistungskaufleute ausbilden. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird der Fachkräftemangel weiter zunehmen – und die HR-Expertise von Personaldienstleistern noch stärker gefragt sein.

arbeitsblog: Gibt es aus Ihrer Sicht weitere Bereiche neben den oben genannten, in denen der Bedarf an Fachkräften künftig weiter steigen wird – und in denen sich neue Chancen und Möglichkeiten für Personaldienstleister eröffnen?

Jürgen Grenz: Wie gesagt, angesichts der vielen weltweiten Krisen kann momentan niemand den künftigen Personalbedarf vorhersagen. Da die Menschen immer älter werden, braucht Deutschland in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich mehr Gesundheits- und Pflegefachkräfte als heute. Auch im Gastgewerbe und Tourismus bleibt das Stellenangebot auf absehbare Zeit sicherlich auf hohem Niveau, weil viele Servicekräfte in den letzten zwei Jahren die Branche gewechselt haben. Personaldienstleistungen mit Fokus auf diese Bereiche können sich auf viele Aufträge freuen. Gleichzeitig wird die Kandidaten-Akquise schwieriger. Langfristig denkende Personaldienstleister sollten deshalb verstärkt auf Active Sourcing und Social-Media-Recruiting setzen.


Jürgen Grenz

Jürgen Grenz ist CEO der index Gruppe, die 1994 gegründet wurde und heute rund 180 Mitarbeiter beschäftigt. Mit index Anzeigendaten ist seine Unternehmensgruppe europäischer Marktführer in der Stellenmarktauswertung. index berät als Spezialist für HR-Marketing, Personalmarktforschung, Karriereportale und Outplacement Unternehmen, Personaldienstleister, öffentliche Einrichtungen und Verbände zu Personalthemen. Ende 2021 erweiterte Jürgen Grenz das Portfolio von index um die Weiterbildungsplattform Seminus.

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