IT-Fachkräfte: Das Deep Web als Recruiting-Plattform

#1
praxis_recruiting
Kandidatensuche im Deep Web
  • Alexander Grünert, HR-Experte bei der EffiCon GmbH, erklärt im Interview, warum die bisherigen Wege der Mitarbeiterrekrutierung nicht mehr ausreichen
  • Das Deep Web, ein Teil des Internets, das für viele im Verborgenen liegt, sollte aus Grünerts Sicht ebenfalls für Recruiting-Zwecke in Betracht gezogen werden
  • Von dem SchmuddelImage des Deep Web will er nichts wissen. Die Chancen überwiegen nach seiner Schilderung die Risiken deutlich

Das Deep Web – ein Teil davon ist das berüchtigte Dark Web – bietet weit mehr als illegale Machenschaften. Im Internet, das jeder alltäglich benutzt, kratzt man lediglich an der Oberfläche dessen, was online wirklich möglich ist. Wirft man erstmal einen Blick in die Tiefen des World Wide Web, lassen sich bisher unangetastete Potenziale ausschöpfen. Im arbeitsblog-Interview erklärt Experte Alexander Grünert, warum er der Meinung ist, dass im Deep Web neben Waffen und Drogen auch exzellente IT-Fachkräfte zu finden sind.

Warum reicht das „normale Internet“ bei der Suche nach Fachkräften nicht mehr aus?
Man könnte denken, das normale Internet reicht aus. Aber wenn Sie sich einmal an die eigene Nase fassen und schauen, was Sie online so machen und suchen, dann stellen Sie fest, dass Sie immer in den eigenen Sphären googeln. Wenn man nach einem Restaurant oder einem Onlineshop sucht, ist das Ergebnis entweder durch den eigenen Standort oder die bisherige Suchhistorie „verunreinigt“. Die Relevanz der Suchergebnisse richtet sich dann also nach anderen Voraussetzungen, als es Ihnen vielleicht lieb ist. Die Frage ist jedoch: Wie bekomme ich eine neutrale Suche hin? Und das ist auch schon das Stichwort. Eine neutrale Suche, völlig frei von Inhalten, die nach einer vermeintlichen Relevanz aufgelistet werden, bekommt man nur im Deep Web. Eine bequeme Suche ist im Privaten über das Clear Web völlig vertretbar. Im Beruflichen brauchen wir aber mehr als das!

Alexander Grünert rät:
"Die Kandidatensuche im Deep Web erweitert Ihr Blickfeld und setzt Potenziale frei, die andere Mitbewerber nicht nutzen."

Was kann man machen, damit die Suche nach einer Fachkraft andere Treffer ergibt, als die der Konkurrenz?
Andere Suchmaschinen als Google können bereits neue Ergebnisse liefern. Auf die Idee kommen aber natürlich auch viele. Ein nächster Schritt ist das Sourcing im Deep Web. Die Informationsbeschaffung über Fachkräfte aus der Perspektive von Personaldienstleistern kann dadurch enorm verbessert werden. Die Suche im Deep Web erweitert Ihr Blickfeld und setzt Potenziale frei, die andere Mitbewerber nicht nutzen.

Wie groß ist das Deep Web denn überhaupt?
Aktuellen Annahmen zufolge soll das Deep Web etwa 500 Mal so groß sein wie das Clear Web. Die Entwicklung ist aber dynamisch – daher steigt diese Zahl tendenziell sogar an!

Und wie kommt man in die Tiefen des Internets?
Es bedarf nur weniger Voraussetzungen. Zunächst sollte ein VPN-Tunnel eingerichtet werden. Dann brauche ich noch einen speziellen Browser (zum Beispiel Tor), der einfach downloadbar ist. Eigene Suchmaschinen für das Deep Web – mit so klangvollen Namen wie Torch oder DuckDuckGo – machen es dann möglich, ganz einfach auf die Suche zu gehen. Eben wie Google im Clear Web.

Alexander Grünert entwarnt:
"Glücklicherweise verhält sich das Deep Web bei der Suche genauso, wie das uns bekannte Internet. Nur das, was ich auch wirklich suche, wird mir angezeigt. Es besteht also wenig Gefahr, aus Versehen auf eine ungewünschte und illegale Seite zu gelangen, wenn wir die Zielinhalte verstehen."

Welche Verhaltensweisen sind in den Tiefen des Internets wichtig?
Sichern Sie sich selbst ab. Schaffen Sie Strukturen, damit Ihre eigene Datensicherheit immer gewährleistet ist. Eine VPN-Verbindung ist wichtig, zudem hilft eine sogenannte virtuelle Maschine – sprich ein Bereich auf dem PC, der mit eigenem Betriebssystem und unabhängig von privaten und dienstlichen Daten auf dem PC arbeitet – sodass Ihre Daten sicher sind. Der Rest ist einfach gesunder Menschenverstand, der bei der Suche immer berücksichtigt werden sollte. Diese Vorkehrungen sind die einzigen, die aus meiner Sicht wichtig sind.

Das Deep Web wird oft mit dem sogenannten Dark Net gleichgesetzt. Dort werden Waffen, Drogen und schlimmere Dinge gehandelt. Müssen sich Personaldienstleister dort Sorgen machen?
Nein. Klar ist, dass auch illegale Inhalte hier leichter auffindbar sind als im Clear Web. Glücklicherweise verhält sich das Deep Web jedoch bei der Suche genauso, wie das uns bekannte Internet. Nur das, was ich auch wirklich suche, wird mir angezeigt. Es besteht also wenig Gefahr, aus Versehen auf eine ungewünschte und illegale Seite zu gelangen, wenn wir die Zielinhalte verstehen. Als Randnotiz ist vielleicht noch zu erwähnen, dass im Deep Web deutlich weniger Viren unterwegs sind. Der Grund: Schadsoftware wird meist dort gestreut, wo viele Menschen auf einmal online erreichbar sind. Das ist schlicht im Deep Web nicht der Fall. Daher lohnt es sich für Kriminelle deutlich weniger, ihre Schadsoftware dort zu verbreiten.

Alexander Grünert über die Zielgruppe:
Ein Handwerker wird im Deep Web eher nicht unterwegs sein. Eine Fachkraft für IT-Administration aber schon. Finde ich genau diese Person auf meiner Suche, dann spricht das dafür, dass sie auch auffindbar sein will – häufig sogar mit eigenen kleinen Internetauftritten, wo sie über ihre Arbeit oder ihre Skills berichten. Genau darauf zielen wir mit der Suche ab.

Ist das Surfen im Deep Web legal?
Natürlich ist das so. Wir sind bereits jetzt häufiger im Deep Web als wir denken. Jeder von uns. Geschützte Online-Bereiche von Foren, Websites und ähnlichem liegen im Endeffekt im Deep Web. Sie sind nicht über Google auffindbar und indexiert. Die Tiefe des Internets ist also ganz und gar nichts Schlimmes, das muss man zunächst verstehen. Dann kann man sich auch mal trauen und selbst aktiv einen Blick hineinwerfen.

In welchen Bereichen macht das Deep Web denn Sinn für Personaler?
Es geht meiner Ansicht nach um ganz spezielle Bereiche. Standardstellen der Personaldienstleistungsbranche – wie häufig im Pflegebereich – werden durch das Deep Web eher noch nicht besetzt. Denn die potenziellen Bewerber sind häufig selbst nicht im Deep Web unterwegs. Anders verhält es sich bei Arbeitskräften mit IT-Background oder andere technikaffine Berufe. Die Fachkräfte hierfür sind häufiger im Deep Web unterwegs und machen sich gerne auffindbar und somit adressierbar. Auch für die bereichsübergreifende Informationsbeschaffung bleibt das Deep Web ein toller Mehrwert für uns alle!

Wollen die Menschen im Deep Web unter sich bleiben oder sind sie offen für Jobangebote?
Ich bin ein Fan davon, Menschen dort zu adressieren, wo sie sich aufhalten. Wenn wir also die Zielgruppe verstehen, wissen wir, wo wir sie finden. Ein Handwerker wird im Deep Web eher nicht unterwegs sein. Eine Fachkraft für IT-Administration aber schon. Finde ich genau diese Person auf meiner Suche, dann spricht das dafür, dass sie auch auffindbar sein will – häufig sogar mit eigenen kleinen Internetauftritten, wo sie über ihre Arbeit oder ihre Skills berichten. Genau darauf zielen wir mit der Suche ab.

Alexander Grünert appelliert:
Der Blick wurde viel zu lange nicht auf die Entwicklung der Mitarbeiter gerichtet, die an der Personalbeschaffung beteiligt sind. Wir müssen neue Wege gehen um weiter erfolgreich für Kunden Stellen besetzen zu können. Differenzieren Sie sich also von Mitbewerbern indem Sie ihre Suchmechanismen überdenken!

Welches Potenzial bietet das Deep Web für Personaldienstleister?
Die meisten Personaldienstleister können sich von dem Gedanken nicht lösen, eine Stellenanzeige zu schalten oder gewisse Suchverläufe so durchzuführen, dass sie immer komplett zielgerichtet sind. Wir bekommen vom Kunden ein Anforderungsprofil, schalten eine Stellenanzeige, suchen nach Kandidaten in den klassischen Online-Netzwerken wie Xing und LinkedIn. Wenn man sich aber von den festen Anlaufstellen lösen kann, dann öffnet sich das Blickfeld in ganz andere Richtungen. Gerade angesichts des Fachkräftemangels ist es unglaublich wichtig, unsere Suchmechanismen als volatil und dynamisch zu verstehen und immer wieder anzupassen.

Soll jetzt einfach jeder im Deep Web drauflos suchen?
Es ist ratsam, einen technikaffinen Mitarbeiter dranzusetzen. Der muss nicht unbedingt aus der Personalabteilung kommen, sondern vielmehr verstehen, wie man die gesammelten Informationen des Deep Web für die eigenen Vorhaben nutzen kann. Sourcing ist eine immer wichtiger werdende Art der Recherche.

Warum nutzen bislang so wenige Personaldienstleister das mächtige Tool Deep Web?
Personalbeschaffung in der Personaldienstleistungsbranche ist althergebracht, man nutzt immer die gleichen oder ähnlichen Mittel. Hier sind aber eigentlich neue Entwicklungen gefragt – wieder und wieder. Meist werden Stellen identifiziert und dann geschaut, wie sie am schnellsten zu besetzen sind. Um das zu gewährleisten, wird natürlich auf bereits bekannte Wege zurückgegriffen. Es wird wieder eine Stellenausschreibung herausgegeben. Es wird wieder nach einem klassischen Verbreitungsweg für diese Ausschreibung gesucht. Die Branche ist hier leider zu rückschrittlich und verlässt sich darauf, was bislang mehr oder weniger gut funktioniert hat. Der Blick wurde viel zu lange nicht auf die Entwicklung der Mitarbeiter, die an der Personalbeschaffung beteiligt sind, gerichtet. Wir müssen neue Wege gehen um weiter erfolgreich für Kunden Stellen besetzen zu können. Differenzieren Sie sich also von Mitbewerbern indem Sie ihre Suchmechanismen überdenken!

Ihnen hat der Beitrag gefallen? Wir haben mehr davon :-) ! Abonnieren Sie unseren Newsletter - und Sie erfahren regelmäßig, was auf dem arbeitsblog und rund um die Personaldienstleistungsbranche passiert.

0 Kommentare

Neuer Kommentar